Gegen Ende des 20. Jahrhunderts war die vor- und frühgeschichtliche Archäologie in Deutschland an ihre interpretativen Grenzen gestoßen. Die auf hohem wissenschaftlichen Niveau durchgeführten Forschungen, denen wir die Vorlage von Materialgruppen sowie weitgehend gesicherter Chronologiesysteme verdanken, war überwiegend von antiquarischen Ansätzen geprägt. Vom eigentlichen Forschungsauftrag der Archäologie als einer (kultur-)historischen Wissenschaft, nämlich geschichtlichen Zusammenhängen unter Zuhilfename aller zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Daten näher zu kommen, war man häufig abgekommen. Den angelsächsischen Modellen, die Hypothesenbildung auf meist geringer Fundbasis betrieben, öffnete man sich nur zögerlich. Dem fachfremden, aber interessierten Laien standen somit nur zwei Möglichkeiten offen: die Betrachtung der europäischen Vorgeschichte auf der Grundlage einer nur geringfügig am Material orientierten Forschung oder aber der Zugriff auf eher journalistische Arbeiten.
In dieser Sackgasse wurde die prähistorische Archäologie Nutznießer aus der Weiterentwicklung einer Reihe von Nachbarwissenschaften, deren neueste Forschungsergebnisse die Möglichkeiten des Faches Archäologie außerordentlich erweiterten. Dies gilt vor allem für die Biowissenschaften. Spielte früher höchstens die klassische Anthropologie mit ihren Angaben zu Alter, Geschlecht und Krankheiten eine Rolle, so war es nun erstmals möglich, mittels alter DNA Verwandtschaften, ja sogar Familienverhältnisse aufzuklären. Die in diesem Band besprochenen Eulauer Gräber sind hierfür ein beredtes Beispiel. Darüber hinaus konnte damit begonnen werden, mögliche räumliche Bewegungen von Menschengruppen, ja sogar die Ausbreitung ganzer Tierarten im Neolithisierungsprozess nachzuvollziehen. Die Isotopenforschung ermöglicht es uns, nicht nur Aussagen zur Herkunft zu treffen, sondern sogar die Bewegungsmuster einzelner Individuen – zumindest für ihre Kindheit – nachzuzeichnen. Letzteres lässt sich über die Isotopie der Zähne mittels der Laser-Ablation-Technik nachweisen. Kulturgeschichtlich von außerordentlicher Bedeutung ist der Nachweis von Ernährungsgewohnheiten.
(Auszug aus dem Vorwort)
Inhalt:
Vorwort
Kurt W. Alt
• Grenzüberschreitungen – Wissenschäft im Dialog um die Vergangenheit
Guido Brandt, Corina Knipper, Christina Roth, Angelina Siebert und Kurt W. Alt
• Beprobungsstrategien für aDNA und Isotopenanalysen an historischem und prähistorischem Skelettmaterial
Thomas Tütken
• Die Isotopenanalyse fossiler Skelettreste – Bestimmung der Herkunft und Mobilität von Menschen und Tieren
Wolfgang Haak, Guido Brandt, Christian Meyer, Hylke N. de Jong, Robert Ganslmeier, Alistair W. G. Pike, Harald Meller und Kurt W. Alt
• Die schnurkeramischen Familiengräber von Eulau – ein außergewöhnlicher Fund und seine interdisziplinäre Bewertung
Hylke N. de Jong, Gavin L. Foster, Volker Heyd and Alistair W. G. Pike
• Further Sr isotopic studies on the Eulau multiple graves using laser ablation ICP-MS
Ruth Bollongino und Joachim Burger
• Palaeogenetische Studien zum Neolithikum
Corina Knipper
• Die räumliche Organisation der linearbandkeramischen Tierhaltung. Beiträge von Isotopenanalysen
Claudia Gerling, Elke Kaiser und Wolfram Schier
• Mobilität und Migration im nördlichen Schwarzmeergebiet. Neue Ansätze mittels isotopenchemischer und paläogenetischer Untersuchungen
Julia Katharina Koch
• Mobile Individuen in sesshaften Gesellschaften der Metallzeiten Mitteleuropas. Anmerkungen zur Rekonstruktion prähistorischer Lebensläufe
Peter Horn und Matthias Rupp
• Isotopenuntersuchungen (der Elemente H, C, N, 0, S, Sr) an Körpergeweben von Bestattungen aus Jena (13. [h, n. Chr.) und Mumien aus Los Molinos A und C, Peru (80-325 n. Chr.)
Heide Hornig
• Isotopenanalysen an Skeletten des parthiseh/römischen Friedhofs von Tell Schech Hamad (Nordost-Syrien)
Susanne Storch
• Eine Sonderbestattung aus der jüngeren vorrömischen Eisenzeit – Opfer eines Gewaltverbrechens? (Blindow, Lkr. Uckermark)
Anthropologische Ergebnisse
Iris Trautmann und Martin Menninger
• Neue Untersuchungen der Kinderschädel aus der »Wasserburg Buchau«
Bettina Jungklaus, Caroline Schulz und Michael Schultz
• Histologischer Nachweis von Syphilis an Skeletten des 15./16. Jh, aus Halle
Martin Menninger und Iris Trautmann
• Die oberen Zehntausend? – Mutmaßliche Bestattungen des Klerus und des Adels vom Dominikanerkloster Berlin-Mitte